August 2011

Felix Sattler und die Studierenden planen die Expedition.
Beschwerliche Wanderung durch die Sümpfe zum Keimiöjärvi-See.
Die Gruppe »Sammelleidenschaften«...
...machte jede Menge Beute...
...und wendete das Wissen aus dem Workshop ziemlich professionell an.

139 – Der EXPLORER’S CLUB

Eine ungewöhnliche und spannende Ausstellung der »summaery 2011« lag versteckt in den ehemaligen Räumen der Materialprüfanstalt in der Amalienstraße 13. Den summaery-Besucher erwartete dort ein holzvertäfelter Raum, der sofort eine sehr organische, naturnahe Stimmung entfaltete. Ausgestopfte Tiere, Geweihe, aufgeklappte Koffer mit historisch anmutenden Bergsteigerutensilien, Landkarten, mit Reisig ausgelegte Ecken und Nischen und zahlreiche Fotografien von mutmaßlichen Entdeckern an den Wänden hießen den Besucher willkommen und luden geradezu dazu ein, Platz zu nehmen, sich von der Atmosphäre einfangen zu lassen und Dinge zu entdecken.

Die Exhibition zur Expedition

Die Ausstellung des »EXPLORER’S CLUB« war das Ergebnis der studentischen Arbeiten aus dem Fachmodul »EXPEDITION – Die Fotografie erobert die Welt« von Alexander Lembke und dem Werkmodul »EXPEDITION – EXHIBITION: Defining the 21st Century Explorer« von Felix Sattler im Sommersemester 2011. Bereits die Ankündigung im Vorlesungsverzeichnis machte klar, dass es sich nicht um Lehrveranstaltungen im klassischen Sinne handelte: »Im Mittelpunkt des Kurses steht eine EXPEDITION an einen unbekannten Ort und deren Dokumentation. Wir werden [...] ruhmreich wiederkehren oder heldenhaft scheitern«.

Der Hintergrund

Die beiden Module beschäftigten sich mit zwei zentralen Fragestellungen: wie gestaltet sich unser Verhältnis zur Landschaft heute, welche Medien setzen wir ein, wenn wir dort sammeln, vermessen, beschreiben, dokumentieren und welche Erkenntnis erwächst daraus für uns und für die Daheimgebliebenen? Welchen Einfluss hatten zum Beispiel die Erfindung der Fotografie und deren technischer Fortschritt auf die mediale Präsentation und den Verlauf von Expeditionen? 
Die kulturelle Funktion und Fiktion der Entdecker-Identität bildete den zweiten Fokus der Arbeit: Gerade weil es objektiv-geographisch nichts mehr zu entdecken gibt, kann sich die Gruppe als Künstler-Entdecker auszeichnen. Der Plan war, Nachempfindung und Simulation von bereits Passiertem zu simulieren und dabei subtil etablierte Rollenmuster, Verhaltensweisen und Identitäten zu verschieben.
Das Zentrum der künstlerischen Aufgabe der Lehrveranstaltungen stellte die Landnahme dar – die Inbesitznahme eines Territoriums durch Entdecker. Historisch betrachtet sind derartige Ereignisse immer medial aufbereitet und dokumentiert worden. Der EXPLORER’S CLUB suchte eine solche Landnahme neu zu inszenieren, zu durchleben und zu dokumentieren.

Die Rekrutierung

Die Studenten, die sich von den einleitenden Worten im Vorlesungsverzeichnis nicht abschrecken ließen, sondern sich trotzdem für die Module einschreiben wollten, mussten nun eine weitere Hürde nehmen: in einem eigens eingerichteten (inszenierten) Rekrutierungsbüro wurden die potentiellen Expeditionsteilnehmer auf ihre Eignung getestet. Einzeln mussten sich die Bewerber vorstellen und Aufgaben, wie Vogel-Bestimmungs-Tests absolvieren, ihre Fitness bei Liegestützen beweisen. Ziel war es, festzustellen, ob die Studenten physiologisch und psychologisch geeignet sind. Alexander Lembke und Felix Sattler wollten nämlich nicht lediglich »Outdoor-Talente« entdecken, sondern vielmehr ein ausgewogenes Team unterschiedlichster Couleur aufzustellen. Und das gelang: Zu Beginn des Semesters bildete sich eine Gruppe aus Studierenden der Medienkunst/Mediengestaltung, der Visuellen Kommunikation und der Europäischen Medienkultur, die aus unterschiedlichsten Disziplinen, wie Video, Grafik, Installation, Fotografie aber auch aus der Kultur-Theorie kamen.

Die Expedition startet

Die Vorbereitung und Planung der bevorstehenden Expedition konnte starten und auch die Destination der Unternehmung stand nun fest: der Polarkreis. Also startete die Gruppe auf eine lange und strapaziöse Reise, wie die Aufzeichnungen der »Expeditionsärztin« Dominique Wollniok belegen, die auf der Ausstellung einzusehen waren. Jeder der Teilnehmer schlüpfte in eine selbst gewählte Rolle, sodass sich schlussendlich eine, der Realität sehr nahe kommende, Expeditionsgruppe mit exakt verteilten Aufgabengebieten und Rängen bildete. Mit dem Zug reisten die Weimarer Studenten zunächst nach Rostock, von dort mit der Fähre nach Helsinki, von wo die nächste Eisenbahn nach Tampere startete. Weiter mit dem Nachtzug Richtung Polarkreis fuhr der letzte Zug der Mitternachtssonne entgegen. In Rovaniemie, der letzten und nördlichsten Bahnstation warteten zwei Busse, die die insgesamt 15 Personen weitere 350 Kilometer weit gen Norden brachten. Von dort brachen die Expediteure zu Fuß auf, um nach einer beschwerlichen Wanderung durch Sümpfe an eine einsam gelegene Hütte am Keimiöjärvi-See zu gelangen.

Ankunft am Polarkreis

Vom Basislager aus sollten für eine Woche die einzelnen Unternehmungen, Projekte und Expeditionen starten. Die Gruppe »Sammelleidenschaften« beispielsweise, die sich dem Thema Sammeln und Taxonomie verschrieben hatte, holte Gesteinsproben ein, sammelte Insekten mithilfe eigens gefertigter Schüttelfallen, machte klimatische und audio-akustische Untersuchungen und kategorisierte und dokumentierte akribisch. Dies alles geschah auf einem sehr professionellen Niveau. Im Phyletischen Museum Jena hatten sich sie die selbst erklärten Sammler das entsprechende Know-How in einem vorbereitenden Workshop angeeignet und wendeten es nun an.

48 Stunden allein in der Wildnis

Eine Studierende der Europäischen Medienkultur, Alice Valiergue, machte eine waghalsige Einzelexpedition in die Wildnis. Allein zog sie los, um zwei Tage und Nächte in totaler Einsamkeit und auf sich gestellt in der Natur zu überleben und dabei verschiedene Kultur-Theorien zum Thema »Wildnis« zu überprüfen. Auf der Ausstellung in Weimar war ihr selbst gebauter Unterschlupf unter dem Titel »Rückkehr zur Natur – Die Erfahrung einer Dekonstruktion in 48 Stunden« als 1:1-Kopie zu sehen. Während der summaery-Besucher in dem aus Tannenzweigen und Ästen improvisierten nestartigen Zelt Platz nahm, konnte er in verschiedenen Tagebüchern, den Überlegungen der Französischen Austauschstudentin aus Lyon zu folgen.

Original und Fälschung

Ein weiteres Teilprojekt der Expedition »Entdeckerportrait« stellte Fotografien aus. Hierbei dienten historische Bilder als Vorlage und Inspirationsquelle. Im Laufe der Woche am Polarkreis wurden Foto-Situationen dieser vergangenen Expeditionen nachgestellt oder neuinterpretiert. Ebenso wurde überprüft, ob die angeblich dokumentarischen Abbildungen unter den vorherrschenden Bedingungen wirklich entstanden sein konnten: so manches vermeintliche Original bestand den Realitätstest nicht, sondern entpuppte sich als Fälschung.

Weitere interessante, spannende und amüsante Projekte und Aktionen, wie zum Beispiel die offizielle Gründung der »Bauhaus Sauna Society«, eine eigens geschneiderte Sauna-Uniform und die Landnahme an sich, bietet in Kürze eine Web-Application mit allen Hintergrundinformationen, Forschungsergebnissen und Dokumentationen. Diese wird über das Medien-Wiki erhältlich sein. Darüber hinaus wird die Portraitserie der Entdecker sowie die Einzelarbeit von Alice Valiergue in der marke.6 im Rahmen der diesjährigen Bauhaus.Essentials-Ausstellung zu sehen sein.

Die Expedition wurde maßgeblich vom International Office der Bauhaus-Universität Weimar und der Fakultät Medien unterstützt und gefördert.

Expeditionsteilnehmer:
Konrad Angermüller, Yannic Hannebohn, Rita Maria Hausberger, Sandra Leidecker, Alexander Lembke, Iuliana Moraru, Caroline Pusch, Niclas Ruge, Felix Sattler, Irene Stachyon, Patrick Stadler, Marie-Christin Stephan, Alice Valiergue, Dominique Wollniok

Fotos:
Yannic Hahnebohm, Alexander Lembke, Felix Sattler, Marie Christin Stephan

Kontakt:
Alexander Lembke
Diplom Mediengestalter
Künstlerischer Mitarbeiter
Fakultät Medien
Bauhaus-Universität Weimar
Amalienstrasse 13 | Raum 220
99423 Weimar
Tel: +49(0)3643 / 58 37 39
E-Mail: alexander.lembke@uni-weimar.de

Nachstellung eines antiken Entdeckerportraits.
Das Equipment.
Der große Moment der Landnahme mit eigener Flagge.
Die Forschergruppe...
...trotzte allen Umwelteinflüssen...
...und Widrigkeiten.
Nachgestellte Entdeckerportraits: von Mario Weise
und Felix Sattler
Foto von Yannic Hahnebohm
 

Zuletzt geändert: 27.03.2012
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