experiment bauhaus
Das »experiment bauhaus« ist ein Schaufenster für Arbeiten, Lernen sowie Forschung und Lehre an der Bauhaus-Universität Weimar. Es bietet Einblicke in aktuelle Projekte und macht sie der Öffentlichkeit zugänglich.
Wenn Sie Fragen, Anregungen oder Vorschläge haben, wenden Sie sich gerne an Romy Weinhold.
Romy Weinhold
Tel.: +49 (0) 36 43/58 11 85
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142 – Digitalisate – Die Erschließung eines Bücherschatzes
Der aktuelle Bestand der Weimarer Universitätsbibliothek umfasst momentan ca. 500.000 Medien. Dass dazu auch ein historisch bedeutsamer Altbestand gehört, ist nicht vielen bewusst. Die Sichtung dieses Teiles der Bücher, Zeitschriften und Mappenwerke hatte sich der Direktor der Weimarer Universitätsbibliothek, Dr. Frank Simon-Ritz, anlässlich der Vorbereitungen auf den Neubau der Bibliothek in der Steubenstraße vorgenommen. Im Neubau war von Anfang an auch ein klimatisiertes Sondermagazin für besonders wertvolle alte Bücher geplant. Vor dem Einzug in den Neubau war der Altbestand der Bibliothek an mehreren Standorten und zum Teil unter problematischen Bedingungen untergebracht. »Wir waren ganz überrascht, als wir uns intensiver mit diesem Teil unseres Bestands beschäftigten« berichtet Frank Simon-Ritz. Zu Tage trat dabei u.a. ein historisches Signaturensystem, dessen Sinn und Struktur dem Team um den Bibliotheksdirektor zunächst verborgen blieb. Ebenso trugen die Bücher Stempel aus verschiedenen Phasen der Hochschulgeschichte. Alles in allem gab die Sammlung Rätsel auf.
Ein Bücherschatz wird gehoben
Anschließende Nachforschungen im Hauptstaatsarchiv förderten einen handschriftlichen Katalog zutage, der die bis dahin nicht entschlüsselbaren historischen Signaturen der Bücher in eine logische Ordnung brachte. Endlich konnte ein Teil der Publikationen der ehemaligen Kunstschule zugeordnet werden: zwei Listen inventarisierten die Publikationen in einem Zeitraum von 1895 bis 1903 bzw. 1906. Später stellte sich heraus, dass das Bauhaus seine Neuanschaffungen fortlaufend nach dem System der Kunstschule erfasste. Der bis zu diesem Zeitpunkt nicht systematisch erfasste und erforschte Medienbestand entpuppte sich als fast vollständige Sammlung der Bücher und Zeitschriften der Vorgängereinrichtungen von der großherzoglichen Kunstschule über das Staatliche Bauhaus bis zur heutigen Bauhaus-Universität – eine Sammlung, die die Entwicklung der einen wichtigen Aspekt der Kunstausbildung in Weimar über einen langen Zeitraum fast lückenlos abzubilden vermag.
1.700 Bände, 500.000 Seiten und 11 Terabyte Datenvolumen
Die logische Konsequenz der Entdeckung war, den Schatz zu heben und zugänglich zu machen. Die Digitalisierung des Bestandes, so die Idee, würde dazu beitragen, einer breiten Öffentlichkeit den Zugriff auf die Sammlung zu ermöglichen. Also stellte Frank Simon-Ritz einen Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), um die etwa 1.700 Bände aus dem Altbestand der Universitätsbibliothek noch tiefer gehend zu erschließen und zu digitalisieren. Als die Bewilligung der nötigen Mittel in Weimar eintraf, konnte man mit der Umsetzung starten. Doch viele Fragen mussten zunächst geklärt werden: Sollten die Bücher im eigenen Hause gescannt werden oder wäre es vorteilhaft, auf einen externen Dienstleister zurückzugreifen? Mit welcher Software arbeitet man und welche Systeme sollen Anwendung finden? Das Digitalisierungs-Projekt wurde zunächst für die Dauer von zwei Jahren angelegt.
Von Weimar nach Peine und zurück
Nachdem man alle Vor- und Nachteile des Scannens im eigenen Hause abgewogen hatte, entschied man sich für einen externen Dienstleister. Das Unternehmen MSV-Systemhaus aus Peine wurde 2009 damit beauftragt, diesen Arbeitsschritt zu übernehmen. Seitdem bereitet in Weimar ein zweiköpfiges Team bestehend aus Tina Holzbach und Tobias Tolk die Bücher auf ihre Reise nach Niedersachsen vor. »Zunächst dokumentieren wir die individuellen Besonderheiten des jeweiligen Buches – zum Beispiel, den maximalen Winkel, bis zu dem es beim Scannen geöffnet werden darf, damit es nicht beschädigt wird – und übermitteln diese Daten an MSV. Und wir erfassen die Stempel der Publikationen, was für die spätere Provenienzerschließung von großer Bedeutung ist« erklärt Tina Holzbach. Schlussendlich werden die Bücher verpackt, um dann Lieferung für Lieferung zu MSV nach Peine und nach dem Scannen zurück nach Weimar geschickt zu werden.
Ordnung ist das halbe Leben
Nach dem Scannen werden die digitalen Daten in eine spezielle Datenbank eingepflegt, auf die die verschiedenen Mitarbeiter jederzeit zugreifen können. Ein Ampelsystem markiert im Workflow den aktuellen Status jedes einzelnen Buches. Ein weiterer Support- Dienstleister übernimmt die OCR-Bearbeitung der Daten aus dem Scanvorgang. OCR bedeutet »Optical Character Recognition« und ermöglicht später die komfortable Volltextsuche in allen gescannten Dokumenten. Eine Besonderheit stellt die Provenienzerschließung dar, die unter Verwendung der Provenienzbegriffe nach dem Modell der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar vorgenommen wird. Ziel es ist, sichtbare Spuren oder Evidenzen in den Bänden zu ermitteln, die Aufschluss über Herkunft und Gebrauch der Bände geben. Deren Geschichte wird so festgehalten und recherchierbar gemacht.
Die Deutsche Digitale Bibliothek
Neuerdings fließt das Weimarer Digitalisierungs-Projekt in ein weitaus größer angelegtes ein. Jüngst fragte die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB) bei Frank Simon-Ritz an, ob er die Metadaten der DDB zu Testzwecken zur Verfügung stellt. Diese arbeitet nämlich daran, jedermann vom heimischen Computer aus den Zugriff auf Bücher, Bilder und Noten zu ermöglichen. »Als zentrales nationales Portal soll das Projekt die digitalen Angebote von etwa 30.000 Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen miteinander vernetzen. Das ambitionierte Ziel lautet: Das kulturelle Erbe der Nation wird weitgehend kostenfrei für alle Bürgerinnen und Bürger zugänglich gemacht« heißt es auf der Webseite der DDB. Ab 2012 soll ganz Deutschland auf das neue Angebot zurückgreifen können – und der Weimarer Altbestand ist ab sofort dabei.
Zuletzt geändert: 09.12.2011
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