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Die Zukunft des Urbanen

Im Rückblick erscheint das 20. Jahrhundert in Deutschland als Epoche der De-Urbanisierung. Es begann mit den deutschen Adaptionen der angelsächsischen Gartenstadt-Bewegung, den regionalen Heimatstil-Bewegungen und der philantrophischen, republikanischen und sozialen Siedlungsbewegung, die sich in ihrem gemeinsamen Ziel der Auflösung der stadttypischen Merkmale wie Dichte, Konzentration, Zentralismus in einem "natürlichen" , ländlichen Ideal trafen. Es fand seine Fortsetzung in den Ideen und Konzepten "fordistischer Raumproduktion", wie sie im Umkreis des Deutschen Werkbundes und insbesondere auch des Bauhauses gedacht und entwickelt wurden. Bestimmend für die fordistische Neuerfindung der Stadt wurde das anti-urbane Leitbild der "Maschine", die funktional gegliederte, effektive, schnelle Hochleistungsstadt.

In Deutschland blieb diese Orientierung vorerst Episode, ihr folgte die nationalsozialistische Usurpation der Gartenstadt- und Heimatstilbewegung. Begleitet wurde dieser Sprung zurück durch fundamentalistische, haßerfüllt vorgetragene Großstadtfeindschaft. Ideologen wie die Gebrüder Strasser, Himmler, Rosenberg, Darré und Hitler selbst dachten zeitweilig öffentlich über die Reduktion der Bevölkerungszahl der von "wurzellosem Judentum und marxistischem Intellektualismus beherrschten" Großstädte nach.

Der allierte Bombenhagel, der schließlich über den Großstädten niederging, geriet zur apokalyptischen Wunscherfüllung dieser Stadtfeindschaft und schuf den Raum für die verspätete Aufnahme der Gedanken von der funktionsoptimierten Nachkriegsstadt. Die technizistische Gesichtslosigkeit dieses fordistischen Stadtmodells kam dem enormen Verdrängungsbedarf der Wiederaufbaugeneration entgegen. Entsprechend wurde nach Maßgabe dieses Leitbildes noch einmal so viel Bausubstanz beiseite geräumt, wie die Bomben zuvor in Trümmer gelegt hatten.

Verstärkt durch die Kontinuität der Eigenheimförderung nahmen Peripherisierung und De-Urbanisierung in Westdeutschland ihren Lauf. Monofunktionale, spezialisierte Räume eroberten Stadt und Land gleichermaßen und ließen periphere, autoabhängige, verinselte, weder urbane noch rurale Lebensstile entstehen. Die europäische Stadt als "Ort mit Eigenschaften" ist heute allenfalls noch Erinnerung und Stoff für imagelastiges Stadtmarketing.

Am Ende des 20. Jahrhunderts spielt der Tod der urbanen Stadt der prosperierenden Freizeitindustrie eine gewaltige Nachfrage nach urbanen Atmosphären zu. Die Stadt kehrt als Dienstleistungsangebot zurück &endash; als Fiktion. Gegenwärtig werden kaum noch "Urban Entertainment Centers" oder "Super Malls" gebaut, die nicht mittels funktionsdiffus erscheinender Erschließungsräume und kleinteilig-parzellierter Fassadengestaltung Urbanität vortäuschen, ein Konzept, welches von den Main Streets in den Disney-Themenparks experimentell vorweggenommen worden war.

Der Disney-Konzern war es auch, der mit seiner Copyright-Stadt "Celebration" unüberhörbar eine postfordistische Option für die Zukunft des Urbanen formulierte. Celebration bietet gegen Geld nicht nur ein Zuhause aus dem Katalog, sondern Sauberkeit, Sicherheit, Verkehrsberuhigung, gute Infrastruktur, urbane Atmosphäre, positives Image, also alles, was die öffentliche Hand immer weniger zu bieten in der Lage erscheint. Allerdings ist in Celebration nicht nur der öffentliche Raum inszeniert, sondern auch die Stadtverwaltung und die Bürgerschaft insgesamt. Das Rathaus dieser Städteparodie ist mit Angestellten des Disney-Konzerns besetzt und jeder Bewohner ist zwangsläufig ein Schauspieler, der einen Bewohner einer Stadt spielt. Selbstbestimmung oder auch demokratische Mitwirkung werden der Inszenierung geopfert. Celebration repräsentiert den fortgeschrittensten Stand der Theatralisierung des Städtischen.

Die Stadt als Fake, als Citytainment &endash; ist das die Zukunft der Stadt? Oder gibt es auch die Möglichkeit, die bürgerliche, zivile Stadt zum Beginn dieses Jahrtausends zeitgemäß zu reformulieren: die Stadt in der grossen europäischen Tradition der Agora? Kann man aus der Kritik der Disneyfizierung des öffentlichen Raums für das Projekt der "Neuerfindung der Stadt" etwas lernen?

Edward Soja, Los Angeles
Hartmut Häußermann, Berlin
Jörn Walter, Hamburg
Moderation:
Dieter Hassenpflug

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