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Die Zukunft des Museums

Man hat das Museum als die charakteristischste Einrichtung der Moderne beschrieben, der es in erster Linie obliegt, kompensatorisch die durch die Modernisierung entstehenden Defizite zu mildern. In den siebziger Jahren ist &endash; beileibe nicht nur von marxistischer Seite &endash; Kritik geübt worden an der Rolle der Museen bei der Durchsetzung und Aufrechterhaltung von ästhetischen Werten und Normen. Indem sie die Kategorien der Beschreibung festlegen und den kanonischen Umgang mit ihnen regeln, wird Macht ausgeübt, werden etwa Distinktionen zwischen sozialen Klassen geschaffen. Zwar werden die verhüllt eurozentrischen, rassistischen, sexistischen und sonstwie als transzendente Werthaltungen maskierten Grundannahmen der Museumsarbeit inzwischen von den verantwortlichen Kuratoren durchaus reflektiert, was aber nicht heißt, dass sie sich von ihrer Rolle als Mitspieler, die beispielsweise Objekte in Auftrag geben, lösen können.

Auf einer profaneren Ebene ist aus unserem Museum vor allem ein Ort von Ausstellungen geworden. Sie dienen nicht mehr der stummen Zwiesprache der Rezipienten mit den Exponaten, sondern als sozialer Ort. So wird die einflußreichste Kunst heutzutage nicht mehr für den Verbleib im Museum geschaffen, sondern veranschaulicht ein Konzept, inszeniert ein temporäres Ereignis und verschwindet mit dem Ende der Ausstellung. Der Druck, mittels spektakulärer "events" Publikumserfolge zu erzielen, der mittlerweile auf der Museumsarbeit lastet, erweist sich als zweischneidig. Nicht selten stehen populäre Erwartungen gegen eine kritische Aufarbeitung. Die Bedürfnisse nach "erfundenen Traditionen", nach der Konstruktion von Identitäten, treiben einerseits die Museumsarbeit an, lassen andererseits das Museum zu einem Teil der Bewußtseinsindustrie oder des Tourismus werden. Durch die zunehmende Globalisierung und den Massenkonsum wird Authentizität zum Schlüsselthema, und Museen versprechen Authentizitätserfahrungen. Es lohnt sich zu fragen, wessen Identität, wessen Authentizität behauptet, oder welche Vergangenheit als die unsrige dargestellt wird. Das "gate-keeping"-Konzept der Museen muss heute vor diesem Hintergrund neu bestimmt werden.

Auch in diesem Jahr war Berlin wieder Zielpunkt tausender junger Leute &endash; doch nicht etwa aufgrund seiner vielen interessanten Museen. Die Jugendlichen zogen sengende Hitze und Straßenasphalt den kühlen Hallen, lärmende, mechanische Musik der beruhigenden Stille und wilden Tanz dem kontemplativen Gang entlang ehrfuchtsgebietender Kunstwerke vor. Ist das ein Zeichen für das baldige Verschwinden der Museen- aufgrund mangelndem Spaßfaktor? Wird das Museum zum Sammelpunkt weniger kleiner, elitärer Gruppen, die sich in aller Stille und Geheimhaltung der "hohen Kultur" widmen? Oder werden den Besuchern bald Technoklänge den Museumsbesuch versüßen (bzw. verargen)?

Schon heute ist die Vorstellung von einem Museum als ruhige Halle für wenige Museumspilger heillos veraltet. Um weiterbestehen zu können, musste aus dem Ort der Erbauung ein Raum zur kulturellen Animation der Massen werden, der tief eingebettet ist in das Netz der Wirtschaft(lichkeit).

Zeichen dafür sind:

1. das Sponsoring, das nicht um der Kulturbeflissenheit der Bürger willen erfolgt, sondern, um für die Stadt der grossen Ausstellung zu werben und sie zu fördern;

2. der Besucher, um den als kaufkräftigen Kunden mit zahlreichen Souvenirs intensiv geworben wird, und der als Messlatte für den Erfolg der Ausstellung fungieren muß;

3. das Kunstwerk als einmaliges event, das die Ausstellung nicht überlebt.

Und dennoch kann das Museum durchaus als Ort sozialer Beschäftigung dienen, als Ort der Kreativität, der nicht um jeden Preis die Geschichte konservieren, sondern aktuelle Bedeutung erlangen will. Gerade an dieser Gespaltenheit zwischen kommerzialisierter und kultureller Bedeutung zeigt sich, wie sehr die moderne Welt das Museum geprägt hat. Und tatsächlich wurden ca. 95% der Museen erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet.

Allerdings sollte dieser Umstand nicht zu positiv gewertet werden, denn mit der Zahl der Museen ist gleichzeitig die Skepsis ihnen gegenüber gestiegen. So ist das Wort "museal" zu einem Negativbegriff geworden für etwas, das keine Rolle mehr spielt und irrelevant ist. Der moderne Mensch rächt sich an dem Elitären und Snobistischen, das sich im Kunstbereich immer stärker ausgebildet hat, indem er der real konsumierbaren, lebendigen Kunst frönt. Beispiel dafür sind die eingangs genannten Besucher der "Loveparade", die bereits die Überzeugungen ihrer Eltern als antiquiert und museal abstempeln und ein Ereignis feiern, das Pop- bzw. Ravekultur mit Mode, Sehen-und-Gesehen-werden u.ä. verbindet.

Das Museum hat inzwischen den Kampf gegen die anderen grossen "events" aufgenommen. Indem es Alltäglichem wie Popmusikern, Butter, Urinoirs, reproduzierten Bilder schlechter Qualität oder anderem "Müll unserer Zeit" (Groys) die Tore öffnet, sie neu arrangiert und durch den fehlenden (Alltags-)Kontext zu Kunst macht, ist das Museum mit Leben erfüllt worden. Dabei besteht die Modernität der Museen nicht in der Umsetzung der Kommerzialisierungsstrategie, sondern in der Tatsache, dass die Menschheit ihre Produkte zu distanziert stehenden Kunstwerken erhebt und dadurch innerhalb und mit der Kunst die eigene Kultur analysieren kann. So wird das Gegenwartsmuseums zum Ort der Selbstreflexion, nicht zur "Müllverwertungsanlage" der alten Kunstwerke und auch nicht zum Wirtschaftsunternehmen.

Auch gegen die Konkurrenz der neuen Medien weiß sich der moderne Künstler zu helfen: er nutzt kurzerhand Video, Film oder Fotos für Installationen, bezieht sie in sein Kunstwerk ein und schafft sich dadurch aus dem potentiellen Feind einen Freund und Partner. Neu ist dabei auch, dass der Künstler nicht länger Produzent bisher unbekannter Produkte ist, sondern zum Konsumenten wird, der innovativ mit bereits hergestellten Dingen experimentiert.

Bleibt die Frage nach der Zukunft des Museums. Boris Groys sieht die grosse Aufgabe des Museums in der Entwicklung von ständig neuen künstlerischen Strategien. Mit Hilfe provokativer Ausstellungen muss sich das Museum zum Ort der gesellschaftskritischen und -analytischen Diskussion entwickeln und sich endlich von der Vorstellung lösen, nur Antiquariat zu sein. So wird das Museum zukünftig vergleichbar mit einer Universität, die sich der Zeit anpassen muß, und rückt damit aus der Reichweite der Wirtschaft und deren reinen Kommerzialisierungsstrategien.

Auch Christoph Vitali glaubt fest an die emanzipatorische und gesellschaftliche Kraft des Museums. Doch begnügt er sich nicht mit der bloßen Analyse der Gegenwart &endash; er stellt klare Forderungen an ein zukünftiges Museum:

1. Ein gutes Museum muss offen, unkonventionell und demokratisch gestaltet werden, also alle, nicht nur eine (selbsternannte) Elite ansprechen. Vor allem die Öffnungszeiten müssen geändert werden: bisher scheinen sie für Rentner oder Schulkassen konzipiert zu sein, nicht aber für die arbeitende Bevölkerung. Es bedeutet aber auch, dass mehr Wert auf gastronomische und publikumsfreundliche Einrichtungen, schöne Museumsläden etc. gelegt werden sollte.

2. Ein gutes Museum muß ein Gesamtpanorama der Kunst entwerfen, indem es die vergleichende Betrachtung der Originale nebeneinander ermöglicht. Schließlich hat nicht jeder Besucher alle Bilder der Vergangenheit im Kopf bzw. zum Vergleich bereit. Deshalb ist es nötig,

3. die Ausstellung statt nach Epochen nach Themen zu ordnen, da sich Kunst nicht auf einen bloßen Paradigmenwechsel reduzieren läßt; erst durch Querverknüpfungen kann Kunst ihre wahre Kraft entfalten.

4. Um ein gutes Museum sein zu können, ist es außerdem wichtig, eine feste Ausstellung regelmässig neu zu pointieren. Selbst provokative Kontraste sollten nicht gescheut werden, und eine Vermischung mit Beständen anderer Museen ist durchaus wünschenswert.

Um diese Reformen, die nötigen Neuerwerbungen und Neubauten zu ermöglichen, dürfen die Museen nicht ausschließlich auf privates Sponsoring angewiesen sein, da diese Form der Finanzierung zu selektiv und unsicher ist. Finanzierung von öffentlicher Hand, den Ländern bzw. Kommunen und auch durch Steuern bleibt unersetzlich.

Für Christoph Vitali liegt die wahre Gefahr für das Museum nicht in der Konkurrenz der virtuellen Medien, sondern in den überängstlichen Ausstellungsmachern, die Originale aus konservatorischen Gründen vor der Öffentlichkeit verbergen und keinerlei Rücksicht nehmen wollen auf das Kunstbedürfnis der Mitmenschen.

Kunstwerke, egal ob alt oder neu, können nicht reproduziert werden können. Es besteht kein Grund zu der Annahme, dass statt Originalen künftig nur noch virtuelle Pseudo-Originale zu besichtigen sein werden. Möglicherweise kommt es stattdessen sogar zu einem Umkehreffekt: die virtuellen Medien werden echte Förderer der Museen, da sie die Sehnsucht nach dem wahren Original hervorrufen bzw. verstärken.

Die neue Installationskunst war nach Groys sogar so weitsichtig, die Techniken der Reproduktion für sich zu nutzen und dadurch immun gegen die Reproduktionskrankheit der Moderne zu werden. Eine Installation besteht oft aus reproduzierten Objekten, gleichzeitig paßt sie sich ihrem Ausstellungsraum an. Ändert sich der Raum, so ändert sich auch die Aufstellungsweise der Installation und sie wird zu einem noch nie in dieser Weise dagewesenen Kunstwerk, sie wird zu einem echten Original.

Christoph Vitali, München
Boris Groys, Karlsruhe
Moderation: Karl Schawelka

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