Die Zukunft des BauensDie Zukunft des Museums Die Zukunft der Dinge

De Zukunft des TräumensDie Zukunft der AlltagskulturDie Zukunft der UniversitätDie Zukunft des FernsehensDie Zukunft der ArchitekturDie Zukunft des UrbanenDie Zukunft der Energiegewinnung

Die Zukunft der Erzählung

Seit es Menschen gibt, wird erzählt. Die Kulturtechnik des Erzählens ist seit Beginn der Kulturgeschichte ein ausgezeichnetes Mittel, Sinn in die Disparatheit, Vielschichtigkeit und Bedrohlichkeit der Welt hineinzutragen. Die Erzählung schafft und tradiert Ordnung, Zusammenhang, Perspektive und nicht zuletzt Erfahrung. Sie tritt in der Gestalt literarischer und anderer medialer Fiktion ebenso auf wie in der Historie, als gelebte Biografie wie als grundgebende Mythologie und Horizont stiftende große Meta-Erzählung.

Selbst ein Medium, eine symbolische, mediale Handlung ist das Erzählen immer an andere Medien gebunden, und die Erzählung hat bisher jeden Medien- und Kulturwandel von der Schriftlichkeit über die technische Reproduzierbarkeit bis zur Visualisierung mit geprägt. Auch im gegenwärtigen Medienwandel kommt der Erzählung eine wichtige Perspektive zu; von der Krise des Erzählens, vom Ende der Erzählung von der Unfähigkeit zu Erzählen ist die Rede. Jeder anzunehmende Umbruch der Erzählung ist aber auch Umbruch im Sinngefüge.

Die Menschen sind ihre ureigenen Geschichten. Diese umfassen nicht ausschließlich literarische oder mediale Fiktionen. Auch Biographien, selbst die Nummern in den Personalausweisen erzählen Geschichten. Diese und alle anderen müssen erzählt werden, da ein Verzicht darauf, einen Verzicht auf das menschliche Selbst bedeuten würde.

Dabei kann auch der Erfolg der Naturwissenschaften das Erzählen nicht überflüssig machen. Stattdessen steigt der Bedarf an "erzählenden Wissenschaften" parallel dazu an, die globale Rationalisierung erzwingt geradezu das Erzählen von Geschichten. Geschichten sind "handlungswiderfahrende Gemische", ein Mittel um gesellschaftliche Ereignisse zu kompensieren, erfahrbar zu machen, sowie die "Ausbildung des historischen Sinns" zu forcieren.

Erzählungen ermöglichen es dem Menschen, Konflikte von innen und außen zu analysieren. Durch zwischenmenschliche Kommunikationskatastrophen entstehen Konflikte, die sich nicht von innen betrachten lassen, die aber durch eine Verarbeitung als Geschichte veräußerlicht und damit objektiv beobachtet und konstruktiv verarbeitet werden können. Die Erzählung ist das einziges Mittel, Katastrophen wahrzunehmen und mit der Erzählung zu überwinden.

Tatsächlich regelt die Erzählung unser Verhältnis zur Realität. Die erzählende Kunst wird sich dann von der Fiktivität distanzieren, wenn sich die Wirklichkeit ihrerseits in Fiktion verwandelt, eine mögliche Gefahr der Zukunft. Sollte dies passieren, kann die Erzählung die Macht besitzen, den Realitätsverlust aufzuheben, zu konterkarieren und zu kompensieren.

Die Zukunft ist ebensoviel Erzählung wie die Vergangenheit.

Dietrich Schwanitz, Hamburg
Odo Marquard, Giessen
Jaques Rancière, Paris
Moderation:
Lorenz Engell
und
Joseph Vogl

> start
> sitemap
> Bauhaus-Uni