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Gerhard Schweppenhäuser: Die Zukunft der Alltagskultur

Moshe Zuckermann, Tel-Aviv
Klaus Kreimeier, Siegen
Gertrud Koch, Bochum
Peter Moritz, Hannover
Moderation:
Gerhard Schweppenhäuser

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Das Phänomen „Alltagskultur „wird von verschiedenen Wissenschaften untersucht: Kulturanthropologie, Ethnologie, Kultur- und Medienwissenschaften, Soziologie und Philosophie. Für die vergleichende Volkskunde des 19. Jahrhunderts gab es noch einen klar definierten Kanon von Gegenständen, an denen sich die Kultur des Alltags studieren ließ: z.B. Kleidung, Schmuck, Werkzeuge, Kriegs- und Jagdgeräte, Fahrzeuge, Landkarten, Wohnungen und Hausgeräte. Davon wurden Objekte unterschieden, die die Hochkultur der Feiertage repräsentierten, z. B. Gegenstände der Totenkulte und der religiösen Riten, Denkmäler, Musikinstrumente, Ornamente und Kunstwerke. Heute sind es nicht mehr Objekte, sondern Handlungen, durch die die Topolgie der Alltagskultur bestimmt wird. Der Kasseler Alltags- und Subkulturforscher Rolf Schwendter hat in seiner Untersuchung „Tag für Tag" von 1996 eine exemplarische Aufzählung gegeben: „frühstücken und zur Arbeit fahren, am Arbeitsplatz Kaffee (Bier) trinken und mit Kolleginnen und Kollegen klatschen, […] Kantinen benutzen, Güter produzieren oder Dienstleistungen verrichten, […] Kinder zum Kindergarten bringen, Tiefkühlkost auftauen, die Waschmaschine bedienen, den Staubsauger betätigen, […] fernsehen, das Automobil reparieren, Urlaubsprospekte lesen,Karten spielen, […] Steuererklärungen abfassen, zum Friseur gehen, den Zahnarzt besuchen, Hunde halten, […] mit Partnern und Partnerinnen (auch sexuell) kommunizieren, […] telefonieren und in Lokale gehen, […]Deosprays, Illustrierte, Video-Recorder, Bankomat-Karten, Personalcomputer oder Sportgeräte konsumieren" (Rolf Schwendter, Tag für Tag, Hamburg 1996, S. 17 f.).

Noch heute schwingt im Begriff der Alltagskultur ein wenig von der Spannung mit, die früher zwischen den Konzepten hoher und niederer Kultur empfunden wurde. Wer den Begriff der Alltagskultur verwendet, will damit in der Regel andeuten, daß sich Kultur nicht nur am Feiertag ereignet, sondern auch in den wiederkehrenden routinierten Handlungsvollzügen, die die enge Welt des profanen, instrumentellen Handelns bilden. Im Begriff der Alltagskultur war die Aufwertung einer Sphäre intendiert, in der sich, nach Ansicht von Novalis, Friedrich Engels, Ernst Bloch und vielen anderen, bornierte „Philister" und „Spießbürger" tummeln. In Wahrheit stelle der Bereich des Trivialen und der Langeweile jedoch Rahmenbedingungen gesellschaftlichen Daseins bereit, auf die wir nicht verzichten können, nämlich Entlastung, Sicherheit und stabile Kommunikationsstrukturen. Das kulturelle Potential des Alltags wurde entdeckt. Das war in den sechziger Jahren.

Das Konzept 'Alltag und Kultur' ist freilich älter. Es geht zurück auf das Spätwerk des Philosophen Edmund Husserl aus den dreißiger Jahren. Husserl, der Begründer der Phänomenologie als philosophischer Methode, verband die Bereiche Alltag und Kultur als erster systematisch. Die „Lebenswelt" der Menschen, meinte er, ist ihre Alltagswelt. Es ist eine wahrnehmbare, beschränkte und vorgebenene Erfahrungs-Umwelt. Aber die Lebenswelt wird nicht naturgegeben vorgefunden. Sie ist eine „Kulturwelt", die historisch immer wieder neu angeeignet und so, in der Überlieferung, auch stets verändert wird.

In den sechziger Jahren waren es dann die marxistischen Philosophen und Soziologen Agnes Heller und Henri Lefèbvre, die dem Alltagsleben ihre Aufmerksamkeit widmeten, weil es die Sphäre der notwendigen Reproduktionsarbeit der Gattung ist. Die einzelnen Menschen, so meinte Agnes Heller, objektivieren sich im Alltag, sie geben sich vielfältige Formen und Lebensstile und schaffen sich je eigene Welten. Und im Alltag kommen die Individuen mit den kulturellen Objektivationen der Gattung in Berührung, also u. a. mit Wissenschaft, Kunst, Religion und Politik. Henri Lefèbvre beschrieb den Verlust der Lebenswelt, die in einer entfalteten kapitalistischen Gesellschaft nicht mehr als gehaltvolles, zusammenhängendes Ganzes erfahren werden könne. Sein Programm war die Rückgewinnung der Alltagswelt als Lebenswelt, in der Handlungen und Orientierungen auf gemeinsam geteilte Sinnvorstellungen bezogen werden können.

Im Zuge der weltweit expandierenden Massenkultur der 60er und 70er Jahre hatte der Begriff der Alltagskultur auch eine wissenschaftliche Hochkonjunktur. Schon bald trat aber eine gewisse Ernüchterung ein. Der Wissenssoziologe Norbert Elias machte Ende der 70er Jahre auf die mangelnde Trennschärfe des Begriffs Alltag aufmerksam, der für ganz disparate Bereiche wie Arbeits- und Privatleben oder konsumistischen Massenkonsum verwendet werde.

Für ein heutiges wissenssoziologisches Verständnis des Begriffs Alltagskultur möchte ein Modell vorschlagen, das den Alltagsbegriff von Alfred Schütz und Thomas Luckmann mit Niklas Luhmanns Konzept von Kultur verbindet. „Nur in der alltäglichen Lebenswelt kann sich eine gemeinsame kommunikative Umwelt konstituieren", meinen Schütz und Luckmann. „Die Lebenswelt des Alltags ist folglich die vornehmliche und ausgezeichnete Wirklichkeit des Menschen." Und Kultur wird bei Luhmann als das „Gedächtnis sozialer Systeme" aufgefaßt, das einen Themenvorrat bereitstellt, der kontinuierliche Kommunikationsprozesse in Gang hält. Demnach wäre Alltagskultur dann die spezifische Gedächtnisleistung, mit deren Hilfe sich das Subsystem des lebensweltlichen kommunikativen Alltagshandelns selbst produziert und erhält, indem es die Grenze zwischen sich und seiner Umwelt aufrechterhält, z. B. den Bereichen Politik, Religion oder Wissenschaft.

Man kann Alltagskultur aber auch anders, ohne Bindung an die Systemtheorie, definieren. Alltagskultur kann schlicht und einfach die Besetzung profaner Arbeits- und Kommunikationsvorgänge mit Sinn und Bedeutung, mit Formen und Stilen, auch mit Genuß und Lust sein.

In beiden Modellen drückt sich jedenfalls eine Profanisierung der Kultur aus, die nicht wieder rückgängig zu machen ist. Aber bei der endgültigen Entmystifizierung der Kultur könnte auch etwas verloren gehen. Der Maßstab, an dem sich etwa Lefèbvres Kritik des fremdbestimmten Alltagslebens oder die Kulturindustrie-Analysen der Kritischen Theorie ausrichteten, beruhte auf der Unterscheidung zwischen gelingender Bedürfnisbefriedigung und bloßer Ersatzbefriedigung. Als theoretischer Reflex auf Letztere hat sich inzwischen ja eine üppig wuchernde „Trendforschungs"-Literatur ausgebildet (z. B. Matthias Horx und seine „Mega-Trends für die späten neunziger Jahre").Eine heutige Theorie der Alltagskultur hat dagegen die Spannung aufrechtzuerhalten, die zwischen authentischer Artikulation sozialer und individueller Bedürfnisse und illusionären oder manipulativen ökonomischen Veranstaltungen besteht. Das geschieht z. B. in Rolf Schwendters skurrilen Analysen der Integrations- und Anpassungsmechanismen unseres heutigen Alltags. Die Diskussion drehte sich vor allem um die im folgenden vorgestellten, kontroversen Fragenkomplexe. Im Ergebnis kam es, wie bei einer wissenschaftlichen, grundlagenorientierten Debatte zu erwarten war, zu keiner Einigung - wohl aber zu einer Verständigung darüber, wie wir die relevanten Fragestellungen in Zukunft differenzierter formulieren können, als das vor der Diskussion der Fall war.

1. Sind Lebensformen und Lebensstile, symbolische Politik und Sozialdesign bloße Epiphänomene oder eigenständige kulturelle Strukturelemente?

2. Welche Rolle spielt das System der (alten und neuen) Massenmedien, die die Kultur unseres Jahrhunderts geprägt haben, bei der Integration der Künste in den Alltag - und bei der Integration des Alltäglichen in die Kunst?

3. Sind dichotomische Konzepte - elitäre (»Hochkultur versus Trivialkultur«) oder egalitäre (»E- und U-Kultur«) - heute und erst recht in Zukunft anachronistisch geworden - oder trügt der Schein?

4. Leben wir bereits in der »globalen Kulturindustrie«, wie Ulrich Beck und Scott Lash meinen? Bekommt also der Begriff der Kulturindustrie, den die Kritische Theorie in der Mitte des Jahrhunderts prägte, in der »Massenkultur« der modernen Weltgesellschaft, die durch die Telekommunikationsmedien realisiert wird, eine Präsenz, die er damals noch gar nicht besaß?

5. Gibt es Anlaß dafür anzunehmen, daß es im 21. Jahrhundert eine Vielfalt von »Kulturen« des Alltagslebens geben wird? Oder werden wir es mit einer inszenierten, weitgehend homogenen »Ereignis-« oder »Spaßkultur« zu tun haben? Werden wir wieder mit ideologiekritischen Konzepten arbeiten müssen?