DIE TRANSLOKALE STADT

Einladung zur Stadtsoziologie

von Frank Eckardt

Grundlegende Veränderungen treten insbesondere in den städtischen Gesellschaften zu Tage, die zugleich als deren (Pro-) Motoren fungieren. Die Geschichte der Urbanisierung ist beendet, denn es gibt keine andere mehr. Aber wenn alles städtisch wird, wird auch zugleich alles raumlos und unspezifisch. Die moderne Großstadt dankt als Paradigma für die Stadtsoziologie ab, die Flow-Urbanität tritt geltungsmächtig auf: Der globale Strom von Menschen, Gütern, Dienstleistungen, Zeichen, Bildern und Lebenskonzepten stellt die verfasste Stadt der Moderne in Frage.

 

Die globalisierte Stadt droht in einer eigenartigen Weise geschichtslos zu werden, aus den Ereignissen werden Events, statt von einer Stadtentwicklung kann man nur noch von einer vielfältigen Fragmentierung der verschiedensten Lebenswelten reden. Den Stadtbürger gibt es zunehmend weniger. Kulturen und Epochen werden jenseits der modernistischen Perspektive in urbane Kontexte eingepflanzt. Grundlegende soziologische Verständnisse von Zeit, Nähe, Ferne, Nachbarschaft, Gemeinschaft, Milieu und Macht werden extensiviert, bis über den Äquator, den Hindukusch und den Indischen Ozean ausgedehnt. Die Transnationalisierung urbanen Lebens stellt die größte Herausforderung an die heutige Stadtsoziologie dar.

 

Mit der paradoxalen Erkenntnis, dass Städte gerade durch die Globalisierung eine neue Bedeutung bekommen haben und zugleich mit dem Verlust der modernen "Integrationsfunktion" ihre essenzielle Raum-Identität in Frage gestellt ist, bietet sich - so die Hauptthese dieses Essays - der Stadtsoziologie eine neue Leitperspektive für die Stadtsoziologie an. Raum und Stadt verbleiben als Kernkonzepte bestehen, aber sie sind durch die Globalisierung in besonderer Weise betroffen. Im Wesentlichen lässt sich auch an ihnen die Essenz der neuen weltweiten Vergesellschaftungen ausmachen, so dass den ersten Ergebnissen der stadtsoziologischen Globalisierungsdebatte besondere Bedeutung geschenkt wird.

 
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