CHRONISTEN

(Kronos - Gott des griechischen Pantheon, später infolge einer Verwechslung mit dem griech. chronos - die "Zeit") -ursprünglich Kronosanbeter, Mitglieder der Kronosgesell-schaft. Im weiten Sinne des Wortes alle, für die es eine Vergangenheit ohne Zukunft gibt.

Die Chronisten ziehen den Veränderungen ihr Fehlen vor ("Das Fehlen von Neuigkeiten ist eine gute Neuigkeit"), und dem Wind die Stille. Ein wahrer Chronist würde selbst im stickigsten Zimmer bei geschlossenem Fenster sitzen und niemals den Ventilator einschalten.

Die Chronisten unterteilt man in passive und kriegerische. Die Chronisten haben ein feindliches Verhältnis zu allen Veränderungen, sogar zu den Veränderungen zum Besseren, da diese unweigerlich etwas Unbekanntes nach sich ziehen. Um dieser Ungewißheit der Zukunft zu entfliehen, erforschen die Chronisten eifrig die Vergangenheit. Das Verhältnis der Chronisten zur Vergangenheit bringt der bekannte Satz Quintilians gut zum Ausdruck: "Die Geschichte existiert, damit man sie schreibt, und nicht, damit man sie durchlebt."

Höher als alles schätzen die Chronisten die Zeit, die sie zur höchsten Gabe des UHRMACHERS erklärten. Ihre sinnlose Verschwendung betrachten sie als Sünde. "Die Zeit zu mißbrauchen, die Geschichte zu mißbrauchen, bedeutet Ihn zu mißbrauchen und zu sündigen", schrieb Fata Morgana, deren Ideen zu chrestomathischen Geboten der Chronisten wurden. "Über die Zukunft ist uns ja nichts bekannt - unser Leben zu verlängern oder es abzubrechen, liegt allein in der Macht des UHRMACHERS." Wie an diesem Zitat erkennbar ist, glauben alle Chronisten bewußt oder unbewußt daran, daß die Zeit endlich ist. Aus diesem Grund wurden sie von den Anemophilen mehrfach der Häresie beschuldigt ("wenn die Zeit endlich ist, dann ist der UHRMACHER nicht allmächtig").

Die Kronosanbeter haben, wie sich bereits aus dem Wort ergibt, eine ebenso lange Geschichte, wie Kronos, die hinterlistige und heimtückische Gottheit, selbst. Es ist nicht genau bekannt warum, aber sein Name verschmolz eines Tages in seiner Aussprache mit dem Wort "chronos" (Zeit). Kronos wurde zusätzlich die Funktion des Gottes der Zeit auferlegt,und die Kronosanbeter begann man, Chronisten zu nennen. Später gingen die Chronisten über den Rahmen einer rein religiösen Gesellschaft hinaus und begannen, verschiedene andere Tätigkeiten aufzunehmen, da sie mehr und mehr Gleichgesinnte fanden. Das Statut der Gesellschaft proklamiert die unbedingte Ergebenheit der Chronisten gegenüber den Ideen der Ruhe, Unveränderlich-keit und des heiligen Interesses an der Geschichte sowie des Verzichts auf Zukunftspläne. Viele Gelehrte, Politiker und einfache Spießbürger haben später, als sie auf dieses Dokument stießen, mit Genugtuung bemerkt, daß sie hundertprozentige Chronisten sind. Zu ihrer Freude ist nirgends etwas über ein Initiationsritual der Chronisten festgehalten, was bei aller Pedanterie der Chronisten nur heißen kann, daß es nie existierte.
(...)

Ivetta Gerasimchuk, 20 Jahre

Auszüge aus dem „WÖRTERBUCH DER WINDE“

I. Preis im internationalen Essay-Wettbewerb im Weimarer Kulturstadtjahr 1999 (veröffentlicht in „Lettre 47/Dez. 1999)