ANEMOPHILE

(griech. anemos - "Wind", phileo - "ich liebe") -ursprünglich Windanbeter im alten Griechenland. Im weiteren Sinne alle für die die Zukunft ohne Vergangenheit existiert. Die Anemophilen ziehen den Wind stets seiner Abwesenheit vor, selbst wenn es sich um den stärksten Sturm handelt. Die Anemophilen begrüßen stets alle Veränderungen, selbst wenn es keine Veränderungen zum Besseren sind.

Dieser Optimismus gründet auf einem besonders hohen Grad der Überzeugtheit davon, daß die Zeit unendlich und der UHRMACHER allmächtig ist. Grigori Weter, eine der Säulen der Anemophilie, schrieb: "Da die Zeit unendlich ist und ein menschliches Leben einen bestimmtenTeil darin einnimmt, ist es ebenfalls unendlich (ein Teil der Unendlichkeit ist gleich der Unendlichkeit selbst, ein Axiom, das Anemophob der Große bereits in seiner Jugend aufstellte). Ebenso gilt: Wenn der UHRMACHER allmächtig ist, und der Mensch mit allen seinen Eigenschaften ein Teil von Ihm darstellt, so ist der Mensch ebenfalls allmächtig und muß diese Fähigkeiten lediglich in sich entdecken."
Die Gesellschaft der Anemophilen wurde im 3. Jhd. v.u.Z. als Gegengewicht zur Kronos-Gesellschaft (der Chronisten) gegründet.

Ursprünglich war sie eine religiöse Vereinigung, die Anemophilen beteten alle Winde an - vom Boreas bis zum Apheliotes. Nach und nach stellte sich die Gesellschaft auf andere Tätigkeitsbereiche um, da die Anemophilen viele Gleichgesinnte fanden. Im Statut der Gesellschaft (Zeitpunkt der Entstehung unbekannt) ist folgendes festgeschrieben: "Als Anemophiler gilt ein Mensch, der unabhängig von Alter, Geschlecht, Denkart oder sozialer Stellung sein Leben ändern möchte, ohne daß ihn die Bedingungen der Vergangenheit bedrücken, und der sich gleichstellt mit dem Wind, der immer Veränderungen mit sich bringt. Als wahrhaftiger Anemophiler kann sogar ein Mensch gelten, der nie von unserer Gesellschaft gehört hat, aber ihren Idealen treu ist."

Die Anemophilen bilden einen nicht wegzudenkenden Teil jeder Zivilisation, doch ihre Konzentration in den verschiedenen Seinsbereichen ist unterschiedlich hoch. Die Anemophile unterteilt man in passive und kriegerische. Aus den Kreisen der Anemophile kommen alle Weissager. Es wurde festgestellt, daß zu Zeiten von Aufständen die Zahl der Anemophilen stark wächst, was offensichtlich mit dem Übertreten eines Teils der Chronisten ins Lager der Anemophilen zusammenhängt. In Friedenszeiten ist es umgekehrt. Zum Beispiel entstehen deshalb alle grundlegenden Werke, Enzyklopädien und Wörterbücher in Zeiten sozialer Stabilität. Ungewiß ist, ob diese Behauptung auch auf das Wörterbuch der Winde zutrifft.

Die Menschheitsgeschichte kennt einige Beispiele von Zusammenstößen der Anemophilen mit den Chronisten. Die Situation wird indessen dadurch erschwert, daß diese Zusammenstöße von den Chronisten erfaßt und untersucht werden, welche die Zahl ihrer Siege gehörig übertreibt und eigene Niederlagen "vergißt". Die Anemophilen sind eher an der Zukunft interessiert, weswegen sie sich in den Kämpfen gegen die Chronisten mit Schwert und Feder immer als besser vorbereitet erweisen.
(...)

Ivetta Gerasimchuk, 20 Jahre

Auszüge aus dem „WÖRTERBUCH DER WINDE“

I. Preis im internationalen Essay-Wettbewerb im Weimarer Kulturstadtjahr 1999 (veröffentlicht in „Lettre 47/Dez. 1999)